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Sender Eberswalde

zusammengetragen von: Jürgen Tiedmann

Rundfunksender

Sendestation / Ort Zeit Band Frequenz Meter Programm Leistung Bemerkungen
Eberswalde
Am Finow-Kanal,
Bullenwiese
17.10.1909
bis
1939 ?
LW, MW, KW, UKW           Versuchsstation für drahtlose Telegraphie,
Laboratorium für den Bau von Prototypen der Sender der C. Lorenz AG sowie Strahlungsanlage für Reichweitenversuche und Mikrophonbau
17.10.1909
bis
???
LW   kHz 1.500,0     tälglich (wochentags) 10.00 - 14.00 Uhr
Zuweisung durch Deutsche Reichspost
17.10.1909
bis
???
belebig           sonnabends 02.00 - 22.00 Uhr
Zuweisung durch Deutsche Reichspost
11.1914 LW   kHz 1.300,0
bis
30.000,0
    wenige Tage zur Abstimmung der Empfänger in der Funkstation Lüttig und Sendeversuche mit hohen ungedäpften Wellen
Ende 1919
bis
???
LW   kHz über 1.550,0   Genehmigung durch das Telegraphen-Versuchsamt für
Telephoniesender unter 5 W ununterbrochen
Röhrensender unter 5 W 8.00-18.00 Uhr
Telephonie oder Röhrensender bis 250 W 16.00-18.00 Uhr
1923
bis
???
LW kHz 2.550,0
oder
2.700,0
  Übertragung Konzerte täglich
1923
bis
???
LW   kHz 2930,0   Übertragung Konzerte
Di., Do. 19.00 - 20.00 Uhr
1923
bis
???
LW 1.431,0 kHz 2.950,0
oder
3.400,0
  Telephonie und Radiokonzerte
Di., Do., Sa., So. 20.00 - 21.00 Uhr
Ende 30.1919
bis
???
MW   kHz bis 600,0     Genehmigung durch das Telegraphen-Versuchsamt für
Telephoniesender unter 5 W ununterbrochen
Röhrensender unter 5 W 8.00-18.00 Uhr
Telephonie oder Röhrensender bis 250 W 16.00-18.00 Uhr
???
1925
???
MW   kHz 283,0   Konzerte
???
ca. 1924
???
KW     48,0   3 A Antennenstrom täglich 12.00 - 12.30 Uhr
Mo., Mi., Fr. 22.30 - 23.30 Uhr
???
ca. 1928
???
UKW MHz     Reichweitenversuche

1908 unterstellte die deutsche Marine das System Lorenz-Poulsen im militärischen Interesse der absoluten Geheimhaltung. Bei Verstößen drohte Zuchthaus nicht unter 3 Jahren.
Diese Geheimhaltungspflicht war ein wesentlicher Grund, warum anfangs der Öffentlichkeit sehr wenig über die Versuchsstation in Eberswalde bekannt war.
Die Lorenz AG hatte der Deutschen Marine vertraglich das alleinige Recht für die Verwendung der drahtlosen Sprachübermittlung ein geräumt.

Die Versuchsstation war keine Einrichtung einer offiziellen Institution, sondern firmeneigenes Versuchsfeld der C. Lorenz AG.

Zunächst war sie nur für das "höchstgeheime Vorhaben", dem Militär das neue Medium des drahtlosen Telefonierens zu erschließen, gedacht.

Die Station war Wegbereiterin des Rundfunks in Deutschland.
Ihre Übertragungen wurden funkbegeistert verfolgt, auch wenn eigentlich nur zu Testzwecken veranstaltet.
Zwischen 1909 und 1939 war Eberswalde Versuchsstation für drahtlose Telegraphie, ein Laboratorium für den Bau von Prototypen der Sender der C. Lorenz AG sowie Strahlungsanlage für Reichweitenversuche und Mikrophonbau.

Im Gegensatz zu Königs Wusterhausen wurde kein regelmäßiger Sendedienst aufgenommen.

Da die platzmäßigen Voraussetzungen für weitere Versuche am Elisabethufer in Berlin-Kreuzberg ausgeschöpft waren musste ein neues Versuchsgelände gefunden werden.

Am 01.04.1909 wurde das Gelände von der C. Lorenz AG gepachtet und darauf ein 70-m-Holzmast, Erdungsanlage, Stationsgebäude und zwei Holzschuppen errichtet.

Für die Anschrift des Geländes gibt es unterschiedliche Angaben:
- Am Kanal 34
- Am Kanal 36
- Am Kanal 40
- Bullenwiese
- Kanal 15
- Schleusengasse
- Schleusengasse 61

Am 20.10.1909 begannen erste Vorversuche.

Am 27.10.1909 begann der Versuchsbetrieb. Die Station war mit ihrem 70 m hohen Holzgittermast weithin sichtbar.

     Quelle: [297, 1930]
Versuchsstation mit Sendemast mit Antennenanlage, Labor und Nebengebäuden

Der Holzgittermast war eisenarmiert und wog 10,2 t. Gesichert wurde er mit je 5 Pardunenspannseilen aus 13-mm-Stahldraht in 4 Ebenen. Errichtet wurde der Mast von der Firma "Held & Francke AG", Berlin SO.

Um den Holzgittermast befanden sich mit einem Radius von 80 m 16 Abspannmaste in einem Abstand von 117 m. Diese Konstruktion ergab eine Schirmantenne mit einer Fläche von ca. 20.000 m².

Die Erdungsanlage aus 200 Radial- und 7 Ringleitungen verzinnter Eisendrähte befand sich in 60 cm Tiefe. Die Drähte waren zentral an einem Haupterdleiter zusammengeführt an welchem auch die Sende- und Empfangsanlegen angeschlossen waren.

     Quelle: [295, 1921, S. 182]
Knotenpunkt eines Radialerdleiters mit einem Ringleitungsdraht

     Quelle: [295, 1921, S. 182]
Zentraler Sammelpunkt der radialen Erdleitungsdrähte

Das Stationshaus in unmittelbarer Nähe zum Hauptmast war eine Holzbaracke und beherbergte einen Experimentierraum mit einem Labor und Station, 2 Schlafräume für das Personal, 1 Zimmer für den Ingenieur, ein Gästezimmer, eine Küche und einen Flur.
Des Weiteren gab es noch ein Latrinengebäude und zwei hölzerne Schuppen.

Die Stromversorgung erfolgte aus dem Ortsnetz von Eberswalde mit 400 V Gleichspannung 50 kW.

Im Juli 1910 wurde in zwei Pressemitteilungen berichtet, dass derzeit eine Erweiterung der Station vorgenommen wurde. Dafür sollten 16 neue Masten mit einer Höhe von jeweils 27 m aufgestellt werden. Der Radius der erweiterten Station sollte danach 375 m betragen haben und der Umfang 2.300 m.
Zweck dieses Umbaus sollten geplante Kommunikationsversuche mit den deutschen Kolonien sein.

     Quelle: [295, 1921, S. 349]
Blick über den Finowkanal zur Versuchsstation 1910
Die Antennendrähte überspannten den Finowkanal

1910/11 wurden neben den Poulsen-Lichtbogen-Sendern auch Goldschmidt-Maschinen-Sender und Vieltonsender erprobt.

1913 entwickelte der Lorenz-Mitarbeiter Leo Pungs in Eberswalde die "Pungs-Drossel", einen Transformator der zwischen Sender und Antenne geschalten wurde und erhielt dafür im gleichen Jahr ein Patent. Dadurch konnten die verwendeten Mikrofone entlastet werden.

Für die Sendertests mussten permanente Tonsignale zwischen Eberswalde und dem Firmenlabor in Berlin-Kreuzberg gesendet werden. Neben Sprache wurden dafür Schellackplatten abgespielt.

1914 - 1918 war der Versuchsbetrieb kriegsbedingt erheblich eingeschränkt.
Sie wurde für die Firmenversuche geschlossen und dem Kriegsministerium unterstellt.

Am 01.08.1914 wurde vom Militär die Antennenanlage gesperrt.

1916 wurde ein Lorenz-Poulsen-Sender an die, neu eingerichtete, "Zentralfunkstelle des Heeres" in Königs Wusterhausen geliefert. Es folgten weitere Sender (auch nach Kriegsende).

Am 01.08.1918 durften die Versuche als Gegenstation zum Lorenz-Werksgelände in Berlin- Tempelhof wieder aufgenommen werden.

Bis zum Ende des ersten Weltkrieges wurden die Versuche weitestgehend geheim gehalten.

Danach, mit dem Wegfall der Geheimhaltungspflicht, konnte die Lorenz AG die drahtlose Telegraphie einer anderweitigen Verwertung zuführen.

Im Winter 1918/1919 gab es einen Brand bei dem das Laboratorium zerstört wurde. Es wurde provisorisch wieder aufgebaut.

Ab ca. 1919 sollen in Eberswalde erste Versuche Konzerte zu übertragen gemacht worden sein. Leider gibt es hier zwar Zeitzeugenberichte aber keine konkreten, zuverlässigen, Nachweise.

Im Sommer 1919 versuchte die Reichstelegraphenverwaltung C.Lorenz dafür zu gewinnen aus Eberswalde telegrafische Pressenachrichten zu senden. Dies scheiterte an unterschiedlichen Preisvorstellungen.
Diese Aufgabe übernahm künftig der Sender Königs Wusterhausen.

1920 wurde das provisorische Laboratoriumsgebäude mit fast identischen Maßen, durch ein dauerhaftes Gebäude ersetzt.

Am 24.01.1923 (3 Jahre nach dem 1. legendären Weihnachtskonzert vom Sender Königs Wusterhausen) soll ein Rundfunk-Orchesterkonzert mit sechs Eberswalder Musikern stattgefunden haben, welches jedoch derzeit nicht zu 100 % belegbar ist.

Ab ca. 1923 wurden Versuche gemacht neben den Konzerten auch Nachrichten zu verbreiten. Diese wurden jedoch vom Sender Eifelturm gestört.

Am 21.10.1923 erfolgte vom Sender Eberswalde, im Anschluss einer Sendung aus Königs Wusterhausen von 15.00 - 16.00 Uhr, auf der gleichen Welle von 2.700 m eine Übertragung vom Sender Eberswalde in der Zeit von 16.00 - 18.00 Uhr zur Jahresversammlung des Deutschen Museums nach München. Die tadellose Vorführung der drahtlosen Musikübertragung wurde am Tag darauf vom Museumsdirektor Dr. Oskar von Miller bestätigt.

Ab ca. 1924 fanden Versuche mit Kurzwellensendern statt. Empfangsbestätigungen kamen beispielsweise aus Brasilien und Südafrika.

Am 11.01.1925 gab es im "Märkischen Stadt-und Landboten" den letzten Hinweis auf die Übertragung ein stattgefundenes Konzert.
Weitere Nachweise über, danach stattgefundene, Konzerte sind nicht bekannt.

Ab ca. 1928 erfolgten Versuche mit UKW.

Ende der 1930er Jahre wurden die Versuche eingestellt, da der Rundfunk mittlerweile alltäglich war und die Station sich amortisiert hatte.

Am 13.03.1939 wurde der Hauptmast abgetragen.

1943 kündigte die C. Lorenz AG den Pachtvertrag für die städtischen Flächen, da das Grundstück nicht mehr benötigt wurde.

2012 erfolgte der Abriss.

Die Aktivitäten in Eberswalde, welche zweifellos zu Erfindungen und Erkenntnissen für die Entwicklung von Sende- und Wiedergabetechnik des Rundfunks beitrugen, fanden international nicht die Zustimmung zu Darstellungen in der Presse, bei Wikipedia und in einigen Museen, dass eigentlich Eberswalde "die eigentliche und wirkliche Geburtsstätte des deutschen Unterhaltungs-Rundfunks" gewesen sein soll.

Stattdessen wurde am 16.07.2016 der Sender Funkerberg in Königs Wusterhausen für das Weihnachtskonzert vom 22.12.1920 mit einem

"IEEE Meilenstein der Technikgeschichte"

geehrt, einer der weltweit höchsten Ehrungen auf dem Gebiet der Technik.


Quellen: [272], [292], [295], [297], [298], [299]

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